An Bord im Hafen von Plymouth, Donnertag, 29.11.1878
Lieber Heinrich!
Wir kamen am Montag hier wohlbehalten an, ohne irgend welchen Zwischenfall
zu erleben. Der hiesige Aufenthalt wurde von mir benutzt, um meine
photographische Einrichtung fix und fertig herzustellen. Ich hatte dabei so
wenig freie Zeit, daß ich bloß einmal in der Stadt war. An Berichten habe
ich schon einiges zusammengeschrieben, doch ist noch zu wenig zu melden,
wenigstens zu einem größeren Artikel. Solcher folgt also erst von Madeira
aus, wohin wir in einer Stunde in See gehen. Dort wird es auch schon
wärmer, bis jetzt habe ich fürchterlich gefroren.
Ich glaube, Joseph Heinemann eine Stellung anbieten zu können. In Bremen
sprach ich meinen Freund, den Photographen Lorenz Herzog, für den ich früher
viele Landschaften aufgenommen habe. Herzog ist ein braver, fideler Kerl,
der, nur was Photographie betrifft, keinen Widerspruch vertragen kann.
Er sucht einen jungen Mann, gerade von Josephs Fähigkeiten und Anlagen.
Vorläufiges Gehalt 40 Reichstaler. Bei gut einschlagender Arbeit gleich
mehr.
Wenn Joseph Lust hat, kann er sich an denselben wenden. - Ich hatte an
Joseph schon geschrieben, aber den Brief in der Tasche stecken lassen.
Joseph muß daher schreiben, daß er erst jetzt durch ein Versehen
meinerseits Nachricht bekommen habe.
Sonst für heute nichts Neues. Die Seeluft bekommt mir vorzüglich. Mit den
Offizieren habe ich noch wenig Verkehr, auch meine eigene Küche.
Mit besten Grüßen an alle Freunde und Bekannte.
Philipp
Vor Madeira, 7.12.1878
Mein lieber Heinrich!
So liegen wir denn schon seit gestern Morgen hier auf der Rhede
-einen eigentlichen Sicherheitshafen besitzt die Insel nicht- und zwar beim
jammervollsten Wetter. Trotz unserer schweren Anker wirft die See unser
Schiff unbarmherzig hin und her; bei 19° ist die Luft so recht matschig
warm, und ein tüchtiger Regen ersetzt auf dem Vordeck das, was unten in
der Batterie und auch in meiner Wohnung die Sturzseen durch die Stückpforten
hinein besorgen.
Dazu wird mein junger Assistent alle fingerlang seekrank. Schlimm für ihn
und nicht wieder für mich.
Von den Herrlichkeiten der Insel habe ich nur wenig zu Gesicht bekommen.
Die Landschaft schwimmt im Nebel und Regen. Ein Landen im Nachen ist hier bei
hoher See nicht ungefährlich; die Brandung schlägt häuserhoch die Felsen
? herum. Und hier soll ich meine ersten Aufnahmen machen. Wahrhaftig, der
Anfang ist nicht günstig. Doch tröste ich mich mit der Hoffnung auf morgen
oder übermorgen, denn so lange werden wir wohl noch hier bleiben.
Einige Nachen kamen mit Landesprodukten an unser Schiff heran: Die Bananen
waren sehr schön, die Apfelsinen desto schlechter und Weintrauben gar keine
zu haben. Wenn es eben angeht, fahre ich nachher mit unserem Koch an Land, um etwas
Wein zu kaufen. Derselbe ist gut und hier an der Quelle billig zu haben.
Wie ich Dir von Plymouth aus schrieb, waren meine ausführlichen
Reiseberichte noch zu kurz, es war zu wenig Interessantes zu berichten.
Die Sache umfaßt auch bis heute nur 8 Folioseiten, und ob ich hier noch
Beträchtlicheres dazu schreiben kann, ist sehr fraglich, denn soeben
erfahre ich, daß wir der trostlosen Witterung halber wahrscheinlich schon heute
wieder absegeln werden.
Von hier aus bleiben wir 30 bis 40 Tage in See. Wahrscheinlich werden wir
erst in Montevideo halten, dort aber für längere Zeit. Mir geht es sonst
ganz gut; die Seeluft bekommt mir vortrefflich und wenn ich auch -unter
uns gesagt- noch nicht den gewünschten Verkehr, richtiger bemerkt: ernstliche,
wissenschaftliche Unterhaltung habe, so werden mir hoffentlich binnen
Kurzem meine Arbeiten über diesen Mangel hinweg helfen.
Für heute schließe ich. Mit den besten Grüßen an Dein ganzes Haus und alle
Bekannten, Dein Philipp
Apia auf Upolu, Samoa Inseln, 28.5.1879
Lieber Heinrich!
Als wir vor 8 Tagen hier anlangten, erhielten wir eine Post, welche unsere
Korvette ARIADNE überbracht hatte. So bekam ich auch Deinen Brief vom
2.Januar. Nach einer langen Reise -wir gingen 3.März von Valparaiso ab- sind wir
seit einem guten Monat inmitten unseres Zieles: zwischen den Südsee-Inseln, von
denen wir schon eine ziemliche Anzahl abgeklappert haben.
Der Hauptcharakter der Welt ist hier: alles warm, alles fruchtbar und
alles grün bis in die höchsten Bergspitzen hinein. Dabei sind die Menschen
durchgängig sehr zuvorkommend und fast alle jungen Leute, Burschen wie
Mädel, in ihrer wunderbaren Bronze-farbe ganz hübsch zu nennen. Sie sind
bei weitem nicht so widerlich wie die Nigger.
Mitten in der stillen See, die unserer Fahrt nach zu rechnen, diesen Namen
mit Recht verdient, liegen ihre kleinen Eilande mit bis über 1 000 m hohen
Bergen, alle in größeren oder kleineren Bogen von einem Korallenriff
umgeben, welches nur wenige Lücken zeigt, wo Seeschiffe einlaufen können.
Dafür sind aber auch die dann erreichten Häfen sicher vor Unwetter.
Unsere ARIADNE, welche schon seit Jahr und Tag hier ?hängt -und von
uns abgelöst- übermorgen die Heimreise antritt, hat eine große Anzahl dieser
Inseln für das deutsche Reich requiriert - oder wie der Diplomat sich
ausdrückt - in unseren Schutz gestellt.
Die Hauptsache scheint mir indessen darin zu liegen, daß nach Abschluß
eines solchen Vertrages andere Seemächte dort nichts mehr zu suchen haben.
Bis unser Kanonenboot ALBATROS hier anlangt, werden wir wohl in der
nächsten Umgebung bleiben und erst etwa zur Zeit der Aldekerker Kirmes in Sidney
oder Melbourne sein.
Bis jetzt bin ich mit meinen Arbeiten schon flott vorwärts gekommen. Über
100 Aufnahmen illustrieren das bis jetzt bereiste Gebiet, und hier, im
Herzen der Südsee, gibt es fast alle Tage Neues zu machen.
Kein Wunder daher, daß ich für mich gar nichts mehr anfangen kann und die
Ausarbeitung meiner Notizen gänzlich ins Stocken geraten ist. Bevor wir
keine längere Station machen, kann daran nicht gedacht werden.
Mit dem Kommandanten kann ich jetzt ganz gut fertig werden, nur ist der
Assistent von mir nach wie vor derselbe Lausbube, der an dem Abdrucken
durch seine grenzenlose Faulheit mehr verdirbt als ich gut machen kann. Gut ist
es nur, daß er mich schon seit längerer Zeit zu keiner Aufnahme mehr an Land
begleiten darf. Meine Aufnahmen sind in Folge dessen nicht durch die
Sudeleien eines anderen verdorben.
Trotz der großen Hitze ist meine Gesundheit zufriedenstellend geblieben.
Indes, der Briefbogen ist voll, die Post gleich geschlossen, und auch ich
muß wieder ins Geschirr.
Darum Adieu! Herzliche Grüße an Dich und die Deinen sowie alle Freunde und
Bekannte - bis auf Weiteres
Philipp
Apia, 1.Juni 1879
Lieber Heinrich!
Als vor ein paar Tagen unsere ARIADNE, welche auch ein Schreiben an Dich
mit hat, hier abfuhr, kam auch ein Godefroy¹scher Dampfer (dem berühmten
Hamburger Geschät), welcher den Verkehr zwischen Australien und den
Südsee-Inseln unterhält, hier an. Selbiger nimmt meine Post mit, daher für
heute etwas mehr -aber alles aus dem Stegreif.
Meine Reiseberichte sind einmal für begleitende Illustrationen
geschrieben, und da mir solche gerade heute nicht zur Disposition stehen, da alle
Abdrucke verausgabt sind, so muß es auch so gehen.
Von Valparaiso, welches wir am 3.März verließen, stand uns ein langer Weg
bevor, bis wir das Herz der Südsee erreichten. Südsee - Stiller Ozean!
Still war es freilich meistens; doch führte uns der beinahe stets günstige
Passat unserem Ziele, den Gesellschafts-Inseln, täglich immer näher. Dazu stets
mit Arbeiten beschäftigt, kam mir die Zeit, welche wir gebraucht, immer
noch kurz vor, als wir am 13.April Raiatea, unser Ziel, erreichten.
Die etwas schwierige Passage durch die Korallenriffe wurde glücklich
durchschifft, jedoch ein Hafen erreicht, der an seinen Rändern nur wenige,
mitten im Dickicht versteckte Hütten zeigte. Auch kamen einige Kanaka mit
ihren merkwürdigen, aus ausgehöhlten Baumstämmen konstruierten Booten ans
Schiff heran, um ihre Landesprodukte: Bananen, Yams-Wurzeln, Apfelsinen,
Brotfrüchte und vor allem Kokosnüsse feil zu bieten. Geldkenntnis schien
bei den Leuten wenig vorhanden zu sein. Für unser hartes Schiffsbrot
zeigten sie aber bedeutendes Interesse, noch mehr für alte Taschenmesser und
ähnliche abgetragene Instrumente. Vieles Obst wurde schon hier
eingehandelt.
Folgenden Tages dampften wir an der gefahrvollen korallenreichen Küste
entlang, etwa 1 1/2 Stunden weit, nach dem eigentlichen Hafen der Insel,
in eine geräumige Bucht ein. Gleich am Eingange steht die neue große Faktorei des Hamburger Handelshauses Godefroy, und den Schluß bildet die, im nieder-rheinischen
Schau...m...stil gebaute Kirche des englischen Missionars. Dazwischen liegen, in z.T.
malerischen Gruppen zerstreut die Hütten der Eingeborenen und die
Wohnhaus-Künste der fremden Zuzügler, welche hier Geld und Glückserwerb erwarten.
Der Hafen von Raiatea war nicht ganz ohne Schiffe. Ein kleiner
französischer Kriegsschoner aus Tahiti (letztere Insel ist jetzt unter franz. Schutz)
und andere Küstenfahrzeuge, anscheinend alle Godefroy gehörend, waren dort
vertreten.
Schon beim ersten Hafen wurden Lage, Ein- und Ausfahrt von mir vom Schiffe
aus fotografiert. - Man glaube nicht, daß das Flunkerei meinerseits ist,
trotzdem wird wohl mancher, der in der Fotografie mehr als ein Laie zu
sein dünkt, dies für unmöglich erklären wird, wenn er erfährt, daß alles vom
fahrenden, rasch schwankendem Schiffe aus gemacht wird. Es geht aber
doch, und diesen Beweis habe ich bei einer großen Anzahl von Aufnahmen
geliefert.
Schwankt das Schiff auf und ab, so gibt es oben und unten einen Ruhepunkt,
und hat man nun einen ganz aufmerksamen Begleiter bei sich, der dies
rechtzeitig markiert, so erhält man bei momentanen Aufnahmen
(............., nach meinem Verfahren = 1/5 Sek.) durchaus brauchbare
Bilder, denen niemand, auch der Kenner, den schwankenden Standpunkt
ansieht.
Waren mir die aufzunehmenden Bilder von der Magellanstraße schon eine
Schule für solche Aufgabe, so konnte ich meine Erfahrungen hier und auch
späterhin bis nach Apia trefflichst verwenden - so trefflich, daß es mir jetzt
möglich ist, fotografische Aufnahmen von fahrenden Dampfern aufzunehmen,
die in Schärfe Landaufnahmen nicht nachstehen. - Freilich, nicht alle
Aufnahmen gelingen .... richtig, aber es geht doch.
Gleich nach dem Ankerwerfen kam hier viel Volk an Bord: zuerst die Kanaka
mit Landesprodukten, dann zugleich Vertreter der Faktorei, der
Religionsgenossenschaft und auch des Königs und seiner Gewalthaber.
Der erstere Punkt ist mehr kaufmännischer Natur, wo Handel und Wandel des
Lebens von augenblicklich praktischer Seite aus betrachtet wird. Wenn die
Geistlichkeit kommt, gilt es vor allem anzufragen, welche Seite
anzuschlagen, wenn ein so vollgespicktes Haus, wenn ein großes
Kriegsschiff seine Urlauber nach langer Gefangenschaft, fern von Wein und Weib, frei
los läßt in Gottes freie Natur hier unterm südlichen Himmel, so herrlich
beschaffen und Freuden erregend, wie es unsere nördliche Hemisphäre nur in
günstigeren Landstrichen bietet.
Nun kommt noch Seine Majestät, der Chef der Insel -und dann kommt auch
noch das politische Gebiet ins Spiel. Dieses ist Staatssache, darüber hat kein
Laie etwas zu sagen, noch viel weniger sich störend einzumischen. Darüber verstrichen einige Tage, nämlich über dies politische Gebiet. Und nur ich erhielt einen kleinen Zwischenfall -?maßgebend über ?allerhöchste Toleranz- an dem Morgen, wo ich mit Sack und Pack abgezogen war, die landschaftlichen und anderen Schönheiten Raiateas fotografisch
wiederzugeben.
Zu dieser Operation war ich früh morgens mit meinem Assistenten und zwei
Matrosen angetreten. Das gastliche Haus unseres Schiffshändlers Godefroy
bot hinreichend Erquickung für den heißen Tag - zu den entsprechenden teuren
Preisen, hiesigen H....... nach. Und der ganze Krempel wurde in meine uralte fotografische Kiste, welche schon treu gedient im Kriegslager vor Metz, sich trefflich bewährt
während der Rohlfs¹schen Expedition in der liby-schen Wüste und auch bei
Gelegenheit der deutchen Gesandtschaftsreise nach Fez 1877 an den Hof des
Kaisers von Marokko, außer den nötigen Chemikalien stets noch einige
entsprechende Erfrischungen -wie gesagt, alles pflichtschuldig verpackt.
Der Morgen war wunderschön. Auf dem dichten Rasen glänzten die Tauperlen.
Der aufmerksame Beobachter suchte nach versteckten Blumen und Insekten,
gerade wie bei uns in der schönen Zeit. Aber außer einigen Eidechsen und
widerlichen Erdkrebsen zeigte sich wenig von schönen Töchtern der Flora.
Um so herrlicher entwickelten sich dagegen bei zunehmender Wärme und
grellerem Lichte die hoch aufstrebende Baumflora dieses Landes.
Das tiefwurzelige Zeug der Brotbäume und die Kokospalmen vor allem,
scheinen besonders licht- und luftbedürftig zu sein. Wenngleich auch die junge
Kokospalme in der ersten Zeit ihrer Entwicklung meist nur platt auf
............
dem Boden erscheint, so merkt man ihr doch gleich das Bestreben an freier
Entwicklung an. Luft und Licht ist ihr Leben; und alle Ernährungs-Kräfte
setzt diese Pflanze daran, um wenigstens so weit durch das Dickicht zu
dringen, daß ihre erquickenden Früchte in freier Luft und erquickendem
Sonnenstrahle zur Reife gedeihen.
Scheu tritt der fremde Wanderer in die Gefilde, wo der kühlende Wind, der
die langen Wedel auf und nieder bewegt, auch die schwankenden Früchte in
herabfallende Gedanken bringt. Jedoch, es ist nicht so schlimm. Wenn man
auch annehmen kann, daß eine völlig entwickelte Kokosnuß, von der hohen
Krone herunterfallend, unten den dort friedlich hausenden Erdenbewohner
Schaden bringen könnte, so tritt dieser Fall doch nicht leicht ein, denn
sie werden zu früh gepflückt.
Kokosnuß auf den Inseln der Südsee - Haselnüsse in Deutschland:
es ist alles eine Jacke. Vor dem Reifwerden muß das Zeug herunter und grün
verzehrt werden. Nur da, wo geregelte Anpflanzungen sind, läßt man die
Nüsse hinreichend reif werden.
Jetzt zur Sache, zur Arbeit. Als würdig zur fotografischen Aufnahme hatte
ich 3 Stellen ausgesucht: darunter die erste eine künstlerische, also
ohne Titulatur, die zweite galt dem Chef der englischen................. , und
die dritte seiner Majestät.
Schon bei der ersten Aufnahme erschien der Missionar. Allein - das kann man
nicht verlangen- hier war es große Neugier der Kanakas, bei der Aufnahme
zugegen zu sein. Sie kamen demgemäß in großen Scharen, ließen sich aber
bei Seite bringen. Die zweite Aufnahme wurde etwas verschoben und Nr.3 an die
Reihe gebracht. Hierbei lag ein freier Wiesenplan mit fußhohem Gras und
den zugehörigen weidenden Fohlen und Rindern im Vordergrunde, dann folgte das
einfache Palais in einigen Abteilungen aus Bambusstäben gebaut,
Schilfbedeckung bildete das Dach dieses durchaus nationalen aber doch
gewissen Komforts nicht entbehrenden Gebäudes. Denn die inneren
Räumlichkeiten waren in Gemächer für Majestät und Gemahlin und ein Anbau
auch für die Prinzessinen eingeteilt.
Als Seine Majestät von Raiatea, welcher schon vorher auf dem Schiff meine
Apparate kennen gelernt hatte, auch hier auf seinem Grund und Boden meine
Tätigkeit wahrnahm und mit allen seinen Familienmitgliedern fotografiert
war, wuchs in ihm die Größe seiner Machtvollkommenheit in vollster Weise.
Sein Haus war ja nun fotografiert, der prächtig ?gefärbte, wohl höchste
Berg der Insel als Hintergrund, ihm zur Seite einige Nachkommen beiderlei
Geschlechts. Alles war fertig und gut geworden - nach meiner Versicherung-
aber da mußte er die Platten sehen. Abgelegen vom Aufnahmepunkt, an
sumpfiger Stelle, wo ein geschwätziger Bach die Felsen herabrieselte,
stand mein Zelt. Schweißtriefend hatte ich von dort schon mehrere Male den Weg
nach dem, an trockner Stelle geschützten Gegend, zurücklegen müssen: Das
wohl auch der König, um das letzte Resultat meiner Arbeit mit eigenen
Augen betrachten zu können - u. Wehe! - ich kannte das Gesetz der Insel nicht.
All die Liebesgaben, die ich von unserem freundlichen Schiffshändler für
meine Matrosen erhalten zur Stärkung und Erhaltung ihrer Kräfte standen
treu neben meinem Arbeitszelt. Ich kroch mit der Kasette ins letztere und
vollendete die Platte. Schweißtriefend trat ich ins Freie, um meine
Leistung bewundern zu können. Doch wer stand vor mir ? Seine Majestät. Er wollte
das Bild sehen. Doch das ging so schnell nicht, da es noch nicht fixiert war.
Jedennoch, das Nichttun, welches infolge dessen unserem hohen Freunde
geboten, macht erfinderisch, wenigstens spekulativ. Unter den in größerer
Zahl ausgestellten Chemikalienflaschen, welche ja stets erforderlich sind,
standen auch etliche Bier- und Weinflaschen. Diese wurden einer strengen
Kontrolle unterworfen. Und als S. Majestät schließlich von merkwürdig
viereckig geformten Flaschen [?Schnaps] auch noch ?anriechen wollte, da
erst gewahrte ich die Tragweite seiner Mission. Der König ging wütend weg und raisonierte auf kanakisch. Meine Matrosen packten die Apparate ein. Ich aber begab mich wieder zum König zum Abschied.
Dort stellte sich erst mein Verbrechen heraus, wenn gleich Majestät noch mir
freundlich war. "Na", sagte ein zufällig anwesender Deutscher, dem ich den
Fall erzählte, "wenn der hohe Herr etwas schlechter gelaunt gewesen wäre,
dann hätten Sie auf Ihre Bier- und Weinflaschen noch etwa 15 Dollar Strafe
bezahlen müssen oder wohl auch andersartig außer Tätigkeit für einige
Stunden gestellt werden können."
"Das heißt bei mir zu Hause ?Pfiferl" war meine Antwort. - "Möglich
genug", erwiderte der freundliche Gönner, "doch warten Sie ab." - "Ja, warten Sie
ab! Was heißt das?" - "Sehen Sie, da kommt er! Nach ?einer jetzt
?genossenen ...... hört seine Bösartigkeit auf. - "Welcher Trunk? Was ist das ?" - "Ja, sehen Sie. Die hohe Geistlichkeit hat schon vor Jahren mit Majestät gearbeitet, um das Laster der Trunksucht von Raiatea zu heben. Sie hat Großes erreicht. Jeder der Spirituosen zu
sich nimmt oder aufkauft, muß eine sehr gewaltige Steuer bezahlen, daß der
Import kaum mehr nützt." - "Na, Ihr König hat doch ganz genug davon", war
die bescheidene Frage eines Zuhörenden. - "Ja", lautete die Replik, "umso
mehr, als er alle Strafen selber einkassiert. Man sagt, für jede Flasche
Schnaps 5 Dollar. ......................................................."
- ..... hat diese strenge Maßregel gegen die geistigen Getränke viel Gutes
für die ländliche Bevölkerung", sagte darauf ein Franzose von dem schon
erwähnten Kriegsschoner. Es war dessen Kapitän, dem Ansehen nach.
Wenn ich mir nun die Wirklichkeit betrachte, so sind die Bewohner von
Raiatea freilich ein ganz leichtes Völkchen. Leicht gebaut wie ihre
Hütten, so sind auch ihre Sitten. Aber die Natur hat sie dagegen ausgezeichnet mit
anderen Eigenschaften, die sich manches Kulturvolk der neuen Welt zum
Beispiel nehmen könnte. Es sind einfach Kanaka, das heißt auf deutsch
übersetzt "Menschen" infolgedessen herzensgut vom Kopf bis zum Zeh. Da ist kein böses Fünkchen drin zu finden. Und wenn es heißt, daß es auch unter den Südseebewohnern
noch Menschenfresser gibt, so sind solche hier nicht u finden.
Gut ist aber doch nicht alles, was man von den Leuten auf Raiatea und den
angrenzenden Gesellschafts-Inseln sagen kann. Die Mutter Natur hat diese
Eilande, gerade wie Tahiti auch, so splendid ausgestattet, daß die heute
existierende Bevölkerung leicht existieren kann, ohne daß der Ernst des
Lebens an sie heranzutreten braucht. Tausende von Morgen, bestanden mit
Kokos-, Brotfrucht- und Orangen- sowie anderen Bäumen, zwischen welchen
die Yamswurzel wuchert, sichern den wenigen Anwohnern eine sichere Existenz
ohne jegliche Arbeit.
Versuche sind gemacht worden, um außer Zuckerrohr vor allem Baumwolle
anzupflanzen. Diesen Faktoreien eröffnete sich ein mehr wie günstiges
Prognostikon. Als aber die Eingeborenen, ?die Kanaka, ihre etwas
mühevollere Stellung, die der Arbeitenden, eingesehen hatten, liefen sie weg, um in
träger Untätigkeit von Yams und Kokosnüssen weiter zu leben.
Hätten die Missionare zur richtigen Zeit den Wert der Arbeit auseinander
gesetzt so hätten sie mehr durchgeführt als mit ihren Temperenz-Gesetzen
[Enthaltsamkeit von Alkohol], denn letztere werden von den Kanaks doch
umgangen. Der sehr sittenlose Lebenswandel der Frauen und Mädchen auf Raiatea
scheint den englischen Missionaren gleichgültig zu sein.
Raiatea wurde von den Offizieren unseres Schiffes aufgenommen. An einer
solchen Tour nahm ich ebenfalls teil, trotzdem sonst ethnographische und
auch mitunter anthropologische Studien meine Aufgabe waren.
Politisch schien diese Insel nicht mit uns übereinzustimmen. Der King war
trotz der Missionar-Gesetze stets besoffen, wenn er an Bord kam, und sein
Ministerium schien diplomatisch organisiert und ganz den Franzosen
............... zu sein. - So wurde denn eine kleine Nebentour nach
Honahine beschlossen.
Die Rhede von ?[Raiatea][Honahine], eine bei etwas günstigem Wetter schon
sichtbare Insel, wurde in wenigen Stunden erreicht.
In den herrlichen Hafen fuhr der BISMARCK ein. Von Land kam eine
Deputation der Königin, welche für die erneute Freundlichkeit dankte - denn die
ARIADNE war auch schon hier gewesen- und so ging denn das große Geschäft des
Freundschaftabschlusses in trefflichster und ............. Weise vor sich.
Am folgenden Morgen war große Volksversammlung, zu der alle Häuptlinge der
Insel erschienen waren. Vor der Terrasse des Königsschlosses und freilich
sehr einfachen Bretterbuden, hielt der älteste Häuptling eine lange
Ansprache an das versammelte Volk, aus dessen Mitte verschiedene Redner
für und wider sprachen. Es ging durchaus parlamentarisch her, keine
Unterbrechung fand statt und statt der anderweitig üblichen lauten
"Bravos" bei besonderen Kraftstellen, klang nur ein unterdrücktes Beifallsgemurmel.
Nach stundenlangem Deliberieren war endlich die Sache ins Reine gebracht.
Ein Häuptling trat an die Flaggenstange des Königsschlosses und
salutierte.
Da erdröhnten vom BISMARCK her 21 Schuß aus schwerem Geschütz zur
Besiegelung des Bündnisses.
Die Volksversammlung war in ihren einzelnen Teilen fotografiert worden.
Zum Schluß gelang es mir auch noch die beiden Prinzessinnen von Honahine,
zwei stattliche Damen, zu porträtieren.
Von Honahine fuhren wir zurück nach Raiatea und dann nach Bora Bora, eine
westlich, etwa 30 Seemeilen entfernt gelegene Insel mit hohen Bergen und
pittoresken Felsformationen. Auch hier wurde das Freundschaftsbündnis mit
der Königin schnell abgeschlossen. Der Hof nebst allen Beamten und einem
großen Teil der Einwohnerschaft kam festlich geschmückt an Bord, um das
Kriegsschiff in Augenschein zu nehmen.
Köstlich in ihrer bunten Zusammensetzung waren die goldbetreßten
Uniformen
der Minister und Staatswürdenträger. Weiß Gott, wo dieselben herstammten
oder zusammengestoppelt waren. Unsere Musik spielte indessen lustige
Weisen, und bald hatten auch .......................... ihre Scheu soweit abgelegt, daß sie einen
Nationaltanz produzierten, der freilich nach europäischen Begriffen wenig
Rythmus besaß, durch außergewöhnliche Kraftanstrengung im Schwingen und
Hopsen, nebst dem dazu gehörigen lauten Schreien indessen seine Wirkung
doch nicht verfehlte.
Von Bora-Bora fuhren wir über Raiatea den Kokos-Inseln zu, um einer
derselben, Roratonga unseren Besuch abzustatten. Wir hatten meist
ungünstiges und sehr böiges Wetter, welches eines Abends, in nicht
erwarteter Stärke plötzlich hereinbrechend unser Schiff in große Gefahr
brachte.
Die wenigen Grade, die wir südlich bis Karatonga fuhren, brachten
bedeutende Abkühlung der Luft mit. Und auf dieser Insel, wo wir von der
Königin und ihrem Volke in herzlichster Weise empfangen wurden, hatten
wir deutsches Frühlingswetter. Nur wenige Stunden dauerte unser Aufenthalt.
Wir waren gerade Sonntags angekommen, und das Völkchen feierte Kirchweihe.
Urlaub wurde nicht erteilt, wohl um die Leute nicht zu stören oder aus
anderen Rücksichten - ich weiß es nicht. Ich packte indessen meine
Apparate und begleitete den Kapitän an Land. Ohne Aufforderung nahmen zwei
Eingeborene die schwere fotografische Kiste meinen Matrosen ab, um sie zum
Hause der Königin zu bringen. Das wäre keinem der faulen Kanaka auf den
Gesellschafts-Inseln eingefallen.
Als unsere Boote an Land anlangten, erschienen die Eingeboren in hellen
Scharen, alle in Festkleidung, um ihre Geschenke anzubringen. Interessant
war für mich hier weniger die große Masse des Dargebotenen, mir gerade die
Mannigfaltigkeit des Anbringens und die dabei von den einzelnen Gebern
gebrauchte Ausschmückung der Festgeschenke. Teils in Körben aus
Palmenblättern geflochten wurden die herrlichen Produkte und Früchte der
Insel, von einem oder zwei Leuten getragen, den Booten zugebracht. Aber
auch ganze Zweige mit Bananen und Apfelsinen behangen, malerisch drapiert um
Kopf und Schultern der braunen Südsee-Insulaner, wandelten als lebende Bäume
unseren Booten zu. Auch frischer Blumenschmuck fehlte ebenso wenig.
Bei der Königin war großer Besuch, der vom daneben liegenden Festplatz,
wo, wie erwähnt Kirchweihe war, bedeutend verstärkt war, und bald nachdem
unsere Musik sich im Garten aufgestellt hatte, nach vielen Hunderten zählte. -
Hier herrschte nun zwei Stunden lang reges Leben.
Die nicht mehr junge Königin, eine wohlgenährte gemütliche Dame, saß auf
der .............. ihrs Hauses und betrachtete mit sichtlichem Behagen
die harmlose Freude ihrer friedlichen Untertanen, wo kein Mißton die
Feststimmung störte.
Dies war ein schönes Bild, und als ich auch solches fotografisch
aufgenommen, fuhr ich durchaus befriedigt zurück zum Schiff.
Abends ertönten zum Abschied 3 Kanonenschläge vom BISMARCK her. Die Anker
wurden gelichtet und wir segelten ab nach Upolu, der Königin der
Samoa-Inseln.
Viele Grüße, Philipp
Apia, 21.Juni 1879
Lieber Heinrich!
Wir sind noch immer hier und warten, bis der ALBATROS uns ablöst.
Hier stimmt es nicht mit der Luft. In Raiata haben wir einen Matrosen
begraben, und jetzt hier schon zwei. Dabei ist das Lazarett überfüllt.
(Diese Mitteilung unter uns.)
Sonst geht¹s mir gut - riesig viel zu arbeiten ohne nennenswerten
Verdienst.
Frohe Stunden gibt¹s überhaupt keine mehr; da schaut man sich die Welt
mittlerweile mit ganz anderen Augen an, man denkt und fühlt anders.
Gestern war ich z.B. mit ans Land ?gestiegen mit Sack und Pack, um im
Auftrage des Kommandanten Aufnahmen zu machen. Der Stabsarzt und ein
Offizier gingen mit.
Meine Arbeiten waren gut und in der tropischen Hitze gewaltig
anstrengend.
Nichts desto weniger war ich der Hausknecht, der am Katzentisch Platz
fand, wo die Nichtstuer schwelgten.
Hoffentlich kommt bald unsere Ablösung, da kommt man in Sidney wieder
unter Menschen. Von dort aus gehen verschiedene Posten; ab hier muß man immer eine
Gelegenheit abwarten.
Um Dir unser Schiff zu zeigen, lege ich einen Abdruck bei.
Also, bis nächstes. Viele Grüße an alle
Philipp
Meine augenblickliche Stimmung wird wohl nächstens besser werden, aber die
Zurücksetzung von gestern sitzt mir noch in den Knochen.
Sickingen sagte vor seinem Tode zum Bischof, der ihn ausschimpfte:
"............................ich bin ebenso adelig geboren wie ihr."
Sidney, 30.August 1879
Lieber Heinrich!
Morgen geht eine Post, daher für heute wieder einige Zeilen.
Gut 8 Tage nach Eintreffen des ALBATROS in Apia machten wir uns
segelfertig und gelangten nach 16-tägiger Fahrt wohlbehalten hier im Hafen an. Die
drückende Hitze auf den Samoa-Inseln milderte sich bei unserem
südwestlichen Kurse schon nach einigen Tagen, und nach Ablauf einer Woche
war mein Lieblingsplatz oben auf der Back, vorn am Bug, wo ich monatelang
hockte, und jeden Abend - wenn es nicht regnete - mich auf die Taue legte
und damit der glühenden, stickenden Luft des inneren Schiffes für einen
großen Teil der Nacht entfloh, schon beinahe zu kühl für längeren Aufenthalt. So
ging¹s weiter. Es wurden wärmere Kleider gesucht, die Luken geschlossen,
und in Sidney angelangt, haben wir hier ein ganz regelrechtes Aprilwetter.
Nicht gerade, daß es schneit, aber bei 13° und anhaltendem Regen frieren wir
alle gehörig. Wir sind noch zu sehr an die große Hitze der letzten Monate
gewöhnt.
Zeit war es, daß wir aus Apia fort kamen. Einige Tage nach unserer
Abreise
starb wieder ein Matrose (es war der 6.) und mußte über Bord geworfen
werden, wo er sein nasses Grab fand. Die Musik spielte einen Choral ;
indessen, erhebend war die Feierlichkeit doch nicht. - Wir hatten über 50
Kranke im Lazarett. Und erst mit schwindender Hitze trat Besserung ein.
Auch mir ging es, oder vielmehr, geht es auch heute noch schlecht. Nicht
etwa, daß ich von Herzen krank bin, - Gott lob, da ist alles in Ordnung.
Essen und Trinken schmeckt mir ganz gut, aber ich habe schlimme Füße, und
die wollen nicht besser werden. Vor 5 Wochen machte ich auf Upolu eine böse, böse Gebirgstour behufs einiger Aufnahmen. Wo es ging, wurde geritten, aber das immer nur kurze Zeit. Und dann begann eine Urwald und Felspartie, die aller menschlichen Begriffe
spottete, was Undurchdringlichkeit anbetrifft. Sechs Stunden dauerte dies
Vergnügen. Ein Paar Stiefel war ganz hin, Kleider dito. Jeden Augenblick
fiel man beim Überschreiten der nassen, glatten Steine, welche Fluß- und
Bachtäler romantisch ausfüllten, teils ins Wasser - und das war noch das
Angenehmste- teils aber auch auf harte, kantige Felsstücke. Mehr wie
gerädert kamen wir zu unseren ungeduldigen Gäulen im Walde zurück und
erreichten abends, nach 12-stündiger Abwesenheit Apia.
Bei dem Klettern und Fallen waren meine Füße etwas wund geworden. Ich
achtete nicht darauf. Doch schon nach 8 Tagen war die Sache schlimmer
geworden.
Nun ging es mir wie einer ganzen Anzahl unserer Matrosen, die bei ihrem
täglichen Dienst ja so häufig größere oder kleinere Verletzungen davon
tragen: die Wunden wollten in der heißen und feuchten - richtiger gesagt -
brühwarmen Luft Samoas durchaus nicht heilen. - Vor einigen Jahren hattest
Du eine böse Geschichte an der Hand; so geht es mir jetzt mit den Füßen.
Mich ruhig in eine Hängematte legen und die Heilung abwarten, wie die
Matrosen das müssen, will und kann ich nicht. Und so humpele ich denn
schon seit Wochen, zum allgemeinen Jammer auf dem Schiffe herum.
Sidney hat einen prächtigen Hafen mit schönem tiefen Wasser und
vollständig geschützt. Die moderne Stadt mit den bewaldeten Höhen zu beiden Seiten
macht sich ganz reizend. In der Nähe des Strandes erhebt sich das beinahe
fertige, großartige Gebäude der im nächsten Monat hier beginnenden
Weltausstellung. Alsdann gibt es für mich viel zu sehen und viel zu
berichten, denn von der eigentlichen Stadt habe ich bis jetzt noch fast
nichts gesehen.
Ich war vor einigen Tagen Abends für kurze Zeit hinüber gesetzt, aber die
Läden waren schon zu und außer den schlecht im Stand gehaltenen Trottoir,
welches meine Füße malträtierte, sah ich nur einige mittelmäßige Kneipen,
wo ein kleines Weinglas Bier 5 Groschen kostet. Da bekomme ich auf unserem
Schiff deutsches Exportbier - und mehr als die Hälfte billiger.
Der BISMARCK liegt hier im Hafen friedlich zusammen mit einem Engländer,
Österreicher, Franzosen. Unter diesen Schiffen ist der BISMARCK das
stattlichste, der Engländer am zierlichsten; die Franzosen dagegen haben
einen alten, plumpen Kasten hergeschickt, und auch die österreichische
Korvette sieht lange nicht so fesch aus wie die hübsche nackte
Frauenfigur, welche den Bug ziert. Das Schiff heißt Helgoland.
Wie in England, so ist es auch hier am Sonntage sehr ruhig und still.
Nach dem Ankern kamen zur Begrüßung Offiziere der anderen Kriegsschiffe an
Bord. Das übliche Salutieren unterblieb vorläufig. Aber am anderen Morgen
ging es, zu meinem Entsetzen, schon um 8 Uhr los. Zuerst wird die
Landesflagge - hier die englische- mit 21 Schuß begrüßt. Und eine
Strandbatterie brüllt pflichtschuldig die gleiche Antwort. Nun kommen die
Kommandeure der anderen Schiffe. Jeder erhält beim Abfahren 10
Kanonenschläge nachgeschickt, welche sein Schiff aus reiner Courtoisie
gewöhnlich erwidert. Endlich kommen auch noch die Konsuln an die Reihe,
deren es in einer Weltstadt wie Sidney von allen Staaten gibt, und die es
sich zur Ehre machen, den Kriegsschiffen einen Besuch abzustatten. Verläßt
ein Konsul das Kriegsschiff, so kracht es siebenmal zu Ehren der am
Vortopp gehißten betreffenden Landesflagge.
Montag und Dienstag ging es in dieser Weise recht lebhaft zu, und zwar zu
meinem großen Ärger, denn die betreffenden Lärmgeschütze stehen gerade
über meiner Fotografen-Bude, deren gläserner Inhalt keine gewaltsamen
Erschütterungen verträgt. Und um Bruch oder Verlust zu vermeiden, bei
solcher Gelegenheit immer extra verstaut werden muß.
Glück hat der BISMARCK leider in den ersten Tagen hier nicht gehabt. Am
Montag fiel der Offizier-Steward, ein aufgeweckter, frischer Matrose, beim
Verlassen des Bootes ins Wasser und ertrank trotz aller
Rettungsversuche.
Mittwoch in aller Frühe, um 4 Uhr, hieß es wieder "Mann über Bord". Ein
Kranker war aus dem Lazarettfenster gesprungen. Er war in Folge der
Krankheit schon seit 14 Tagen irre. Die Leiche konnte bis heute, trotz
aller Arbeit nicht aufgefischt werden. Da wird wohl einer der vielen Haie,
welche den hiesigen Hafen unsicher machen, zugekommen sein. Hoffentlich sind das
die letzten Opfer, welche der Tod - wenigstens hier in Sidney - von uns
fordert.
Deinen Brief vom 17.6. habe ich hier vorgefunden. Er hat mich über
allseitiges Wohlsein in der Heimat unterrichtet. Und das ist ja die beste
Neuigkeit, die ich überhaupt wünschen kann. Jetzt steht Ihr vor der
Kirmes, die ich vorigen Herbst noch so flott mitmachte. Ich werde beim Glase
Rheinwein Euer aller bestens gedenken, weiß ich ja doch, ohne
aufzuschneiden, daß ich bei freudigem Fest in Eurem Kreise von Jung und
Alt nicht gerne vermißt werde.
Wenn der Brief auch Monate später ankommt, so ist er doch für die Kirmes
bestimmt. Grüße daher alle Lieben: Herren und Damen Eures Kreises und sage
den Ackermädchen sowie ?Naltes feinen Fräuleins, ich wäre bei den wilden
Kanakas so roh und ungeschliffen geworden, daß es mir schon jetzt
bedenklich vorkommt, nach 5/4 Jahren bei der Rückkehr in ihren
blütenreichen Kreis zu treten.
Adieu! In 14 Tagen geht wieder eine Post, dann mehr.
Philipp
Nach 4-monatlichem Entbehren habe ich hier meine Schnupftabaksdose wieder
füllen könne. Gott sei Dank!
Tongatabu, d.27.10.1879
Lieber Heinrich!
Vor einigen Tagen sind wir von Sidney wohlbehalten hier angekommen.
Ich hatte gestern ein Unglück, das mir leicht hätte an den Kragen gehen
können. Beim Öffnen einer Ammoniakflasche schlug der Inhalt heraus, mir
und
meinem Assistenten ins Gesicht, besonders die Augen verletzend. Doch wurde
eine große Quantität des scharfen Giftes hinunter geschluckt.
Schnell zur Hand gehabte Essigsäure konnte die letzte Wirkung aufheben.
Doch hat das Auge sehr gelitten, und ich sitze mit dicht verbundenem Kopf in
meiner Bude - auf wie lange, weiß ich nicht.
Meinen Assistenten schützte in etwas seine Brille.
Die Sehkraft des Auges scheint indessen nicht gelitten zu haben, so daß es
wohl gut gehen wird.
Grüße an Dich und Familie, wie alle Bekannten.
Philipp
Verehrter Herr!
Verzeihen Sie, daß ich es unbekannter Weise wage, Sie zu beruhigen. Herr
Remelé ist nicht gefährlich krank; er liegt nicht einmal zu Bette.
Ich stand gerade mit dem Kopfe über der Flasche und bekam das meiste ab;
jedoch schützte mich meine Brille vor Augenverletzung. Mein Mund und Kehle
sind zwar etwas verletzt, und ein kleines Brustübel wird hoffentlich bald
wieder vorübergehen.
Ich bitte Sie, die Sache nicht zu gefährlich aufzufassen.
Mit nochmaligen Grüßen von Herrn Remelé
zeichnet hochachtungsvoll
Emil Siedemann
Photo-Assistent
S.M.S. "Bismarck"
Apia, 2.12.1879
Mein lieber Heinrich!
Welcher Brief nun zuerst in Deine Hände gelangt, der von Fidji aus oder
dieses Schreiben; genug, über den Kanaka-Krieg kann ich doch einiges
mitteilen, da wir den ganzen Rummel in den letzten Tagen durchmachten und zum seeligen Ende führten.
Die Leute stritten sich um des Kaisers Bart, und zwar schon lange Jahre.
Eine Partei hatte einen König, die andere nicht minder, und da schließlich
so und so viele Häuptlinge beide Potentaten nicht anerkennen wollten, so
bildeten sich auch noch dritte Parteien.
Für Waffenschmuggel war trotz der Gegenbemühungen der verschiedenen
Konsularbehörden hinreichend gesorgt, und so standen sich denn die
Schwarzen, mit zivilisiertem Waffengerät ausgerüstet, gegenüber, welches
letztere - bei aller Unkenntnis der Behandlung immerhin genug Unglücke
verursachte, mit der unlöblichen Gewohnheit des Halsabschneidens armer
Gefangener ve-bunden - schließlich dann doch ein Einschreiten verlangte.
Upolu und Sawai , die beiden Navigator-Inseln, liegen dicht neben einander
und bilden quasi ein Reich, denn der schmale Meeresarm, welcher beide
Eilande trennt, wird von den Eingeborenen mir ihren Kanus leicht
durchschifft. Und die Leute von Sawai denken wohl, daß sie an den Vorzügen
der reichen Insel Upolu, da letztere von deutschen Ansiedlern in trefflicher
Weise kolonisiert und kultiviert wird, als gleichberechtigte Landesherren
teilnehmen können. So machte es sich denn auch, daß der größte Teil der
einen kriegführenden Macht aus Sawai war. Da sich Deutschland für die
Apia-Partei erklärt hatte, so waren dies Feinde, mit denen in folgender
Weise aufgeräumt wurde:
Eines schönen Morgens lichtete der BISMARCK die Anker und fuhr nach dem
Kriegsschauplatz, gerade dahin, wo die Feinde hausten. Alle Boote wurden
bemannt, dann ging es an Land. Die Wilden waren mehr wie überrascht. Ohne
einen Schuß zu feuern, ließen sie es zu, daß ihnen sämtliche Kriegsboote, 32
an der Zahl, genommen wurden; noch mehr, auch ein großer Teil der
vorhandenen Schußwaffen wurde freiwillig abgeliefert.
Einem Lindwurm gleich mit unendlichem Schwanz, sah es aus, als abends die
feindlichen Kriegsboote zum Schiff geschleppt wurden. Zur Sicherheit für
anderweitige Beschädigung waren schon vorher die Häuptlinge des Feindes an
Bord gebracht worden - als Geiseln. Nun lag das Volk da, beraubt sämtlicher
Transportmittel und eines großen Teils der Waffen. - Dies war der erste
Krieg.
Als der BISMARCK einige Tage darauf wieder den Anker lichtete
- wir waren inzwischen nach Apia zurückgefahren - begann das zweite Stadium
unseres Krieges. Die Sawai-Krieger, mit Sack und Pack, mit Weib und Kindern, mußten zurück
in ihre Heimat. Da unser Schiff zum Transport nicht ausreichte, so war aus
den deutschen Schiffen im Apia-Ha-fen noch eine Bark ins Schlepptau genommen.
Am Ankerplatz angelangt, erhielt ich den Befehl, ins feindliche Lager zu
gehen. Unsere Dampfpinasse schleppte eine ganze Kette von Booten nach sich
zum Ufer, wo die Sawaier lagerten. Im Sturm war jedes Boot erobert, sei es
auf oder unter den Brettern der Boote. Und unsere braven Matrosen mußten
pullen, daß die Riemen knackten, bis die Dampfpinasse wieder alles in
Schlepptau nahm. Dies Schauspiel wiederholte sich, und so hatte ich Zeit
und Muße, die interessanteren Momente fotografieren zu können.
Abends war alles an Bord, mit Ausnahme einiger Ausreißer, welche etwaiges
Übel erwartend, in den Busch gezogen waren. - Hinter einer Regenwolke
hervorgekrochen schien soeben der freundliche Mond auf das Deck unseres
Schiffes, als zum Ankerlichten gepfiffen wurde. Diese, an und für sich
schwere Arbeit, das Drehen des Spill, war den Kanaka-Kriegern eine
Ergötzung. Mit lautem Hü und Ho wurde die schwere Kette und der Anker
gelichtet. Unbekannt mit dieser Beschäftigung .... ........gezogenen
.......
beim Übertrampeln von Tauenden und sonstigem Schiffszubehör, stolperte
eine Menge. Jauchzend zog die andere Hetze darüber her. - Hühner- und andere
blaue Augen scheinen den Kanakas noch keinen großen Schaden zu machen.
So dampfte unser Schiff durch die Sommernacht. Die Feinde und Feindinnen
wurden friedlich abgespeist mit Hartbrot und Salzfleisch -ungewohnte
Kost,
mehr wie außergewöhnlich schmeckend. - Ein kleines Spazierengehen an Deck
war gestattet. Doch waren die Schönen spröde! Bei den anderen Eilanden der
Südsee könnte man sonst vom Gegenteil sprechen.
Strahlend ging die Sonne über den Sawais auf, als wir im Hafen
Ma..... Anker warfen. Hier war keine Zeit zum Verweilen. Die Jollen und
Kutter schleppten alles feindliche Element mit größter Schleunigkeit ans
Land; indes wurden die mitgebrachten Schußwaffen zurückbehalten. Es war
dies eine merkwürdige Blumenlese: vom ältesten Perkussionsgewehr bis zum
neuesten Hinterlader; zum Teil war die Geschichte schlecht geputzt - aber
das größere Quantum immerhin noch ausreichend zu wirksamem Schießen.
Nach diesem zweiten Kriege verließen wir gleich Sawai, steuernd nach Apia.
Der Ort war längst in Sicht, unsere Bark auch schon vom Schlepptau
losgetrennt, bereit zum Einlaufen in den Hafen. Der Lauf unseres Schiffes
ging indes weiter. Der gastliche Hafen Apia verschwand, wir gingen in
offene See.
Die Insel Upolu ist groß. Das große Korallenriff, welches sich herum
zieht, hemmt die Näherung des Schiffes, und so wurde denn auch ein ganzer Tag
gefahren, bis wir bei dem Kriegsschau-platze der streitenden Insulaner
anlangten.
Bescheid war geschickt, das Ultimatum erlassen: Abziehen mit Sack und Pack
bis zum anderen Morgen.
Die Lagerfeuer des Feindes nahmen bei zunehmender Dunkelheit immer größere
Dimensionen an. Hier an der ........insel, wo Brennholz zur Masse vorhanden
ist, fiel das nicht auf,.........nicht zu Anfang. Dann aber loderte mit einem Mal das ganze Dorf, die gesamte Niederlassung,
welche die Feinde von Sawai hier geschaffen, in hellen Flammen auf. Am
trüben Himmel, der eine Regenkappe aufgezogen hatte, spielten die roten
Lichter der versengenden Stämme der Kokospalmen, deren Früchte, überhitzt
durch die sengende Glut, als goldene Äpfel nieder fielen.
Das war kein Bild des Friedens und doch ein Friede mit Ehren.
Ungebeugt zogen unsere Feinde ab mit Wehr und Waffen, mit Frau und Kind.
Dicht am Kriegsschiff vorbei ruderten ihre Boote.
Dies ist der letzte Krieg auf Samoa, den wir durchmachten. Möge der dumme
Hader bald aufhören, der - wenn auch jetzt niedergeworfen - doch bald
wieder losgehen kann.
Des deutschen Reiches Sache ist es, dafür zu sorgen, daß hier endlich Ruhe
und Frieden herrscht.
Viele Grüße, Philipp
Du kannst diesen Brief drucken lassen
|
S.M.S Bismarck im Hafen von Apia
Königsfamilie von Raiatea
Königshütte in Raiatea
Ansicht von der Insel Bora-Bora
Apia und Hafen
ohne Bezeichnung
ohne Bezeichnung
ohne Bezeichnung
Mädchen aus Apia vor ihrer Hütte
Die Riesendame mit ihren Freundinnen von Salafata
Ein Häuptling nebst Familie von Salafata
Eine Landschaft von Apia
Lewuka und Hafen
Kriegs-Kanu von Safata
Die Gefangenen von Sawai
Die Einschiffung der Gefangenen von Sawai
Die Krieger von Apollo
Die vier Geiseln von Sawai
Die eroberten Kanus von Sawai und das Deutsche Consulat von Apia
sms/ Bismarck in der Dock von Sydny
ohne Bezeichnung
Mannuwars-Hafen von Sydny und Weltausstellungsgebäude
|